Xander
Diese Aktion ist jetzt vielleicht doch ein bisschen aus dem Ruder gelaufen. Nur, weil ich alles für meine Mannschaft tun würde, habe ich mich in eine furchtbar dumme Situation manövriert. Ich stecke sowohl im Schlamassel als auch in einem winzigen Fenster.
„Fuck, fuck, fuckedifuck!“, keuche ich.
„Mhm“, stimmt Ash mir flüsternd zu. „Das hätte besser laufen können.“
„Ist es aber nicht“, stellt Sully trocken fest.
Atmen, Xander. Atmen.
Leichter gesagt als getan. Ich schließe die Augen, konzentriere mich, als wäre es ein Spiel. Als stünde ich im Tor. Tief sauge ich Luft in meine Lungen. Toronto riecht nach Asphalt, nach Kälte und Großstadt. Aber vor allem riecht die Nacht nach Ärger. Viel davon. Und alles nur, weil Ash, Sully und ich eine glorreiche Idee hatten. Bis vor fünf Minuten hielt ich das alles für eine richtig gute Idee. Sensationell gut und absolut gerechtfertigt.
Da hing ich auch noch nicht in luftiger Höhe zur Hälfte in einem Fenster, das maximal für ein Eichhörnchen gedacht war – aber sicher nicht für einen 1,90 Meter großen Goalie.
Auf der Hauptstraße fahren Autos vorbei, ihr Scheinwerferlicht streift die Bordsteinkanten, die vom Regen glitzern. Gut, dass niemand in die Gasse neben der Bar sieht. Wäre vermutlich ein super Anblick: Sully und Ash, die auf einem Müllcontainer stehen und versuchen, mich durch ein Fenster zu quetschen, das nicht größer als eine verdammte Katzenklappe ist. Und es ist unmöglich, einen ausgewachsenen Hockeyspieler durch eine Katzenklappe zu befördern.
Was ich weiß, denn wir haben versucht, durch die Katzenklappe in Ash‘ Haus zu krabbeln. Haben wir Ärger von Kaitlyn bekommen? Jup. Haben wir daraus gelernt? Nun. Ich stecke fest, oder?
Ash hat beide Hände an meinen Schuhsohlen, und drückt gegen mich, als wäre ich ein altes Sofa, das durch eine zu enge Tür soll.
„Alter, warum bist du so schwer?“, zischt Ash. So laut, dass man ihn vermutlich noch im nächsten Viertel hört. „Hättest du nicht auf Muskelaufbau verzichten können? Ihr Goalies müsst biegsam sein, hörst du? Biegsam! Davon sehe ich hier nichts!“
„Drücken, nicht jammern“, grunze ich zurück.
Ich halte die Luft an, presse meine Hände auf der Innenseite des Fensters gegen die Wand und mit vereinten Kräften schaffen wir es, mich ein wenig weiter zu schieben. Aber dann bleibt meine Hüfte hängen, die Kante des Fensterrahmens gräbt sich in meine Seite wie die Kufe eines Eishockeyschlittschuhs. Die kalte Herbstluft beißt durch mein Shirt, und ich spüre, wie der Stoff sich hochschiebt. Ein scharfer Windstoß weht von der Toronto Waterfront herüber. Wenn ich so drüber nachdenke, hätten wir den ganzen Sommer für diesen Einbruch nutzen können. Aber nein, es muss ja zu Saisonbeginn sein!
Damit es die Lightnings so richtig ärgert.
Die Bar der Toronto Lightnings, das Thunder, liegt direkt an der Promenade. Große Glasscheiben, durch die man das leuchtende Blau der Neonlichter drinnen sehen kann. Das Logo der Lightnings – ein blitzförmiges Eishockey-Symbol – ist überall. Die Glastür hat einen dicken Sicherheitsschlossbalken, weshalb das kleine Fenster unsere einzige Option war.
„Xander“, zischt Sully von unten. „Schieb deinen Hintern durch! Jetzt streng dich mal ein bisschen an!“
„Anstrengen reicht nicht!“, keuche ich zurück. „Ich bräuchte ein paar Liter Öl, um hier durchzuflutschen!“
Meine Hüfte steckt fest. Meine Gürtelschnalle hakt irgendwo. Und wenn wir dieses Problem nicht innerhalb der nächsten halben Stunde lösen können, stecke ich so richtig in der Scheiße, denn dann öffnet die Bar. Timing? Haben wir voll drauf.
Seit die Blizzards als Underdog in die NHL eingestiegen sind, können wir uns plötzlich die verrücktesten Sachen leisten – wie zum Beispiel spontan einmal quer über Kanada zu fliegen, um der Stammbar der Lightnings einen Besuch abzustatten. Außerhalb der Öffnungszeiten.
„Du bist ein ziemlicher Brocken, Xander“, schimpft Ash, aber ich höre das Grinsen in seiner Stimme. Für ihn ist das immer noch Spaß. Er steckt ja auch nicht fest. „Hättest weniger Krafttraining machen sollen, Koloss!“
Toll, erst werde ich gehänselt, dass ich als Goalie zwar wendig, aber nicht kräftig genug wäre, und jetzt passen ihm meine Muckis auch nicht in den Kram.
„Heul nicht!“, schieße ich zurück. „Pressen, hab ich gesagt! Hilf mir gefälligst!“
Ich versuche, meine Hüften zu drehen. Nichts. Keine Chance. Ich bin eingeklemmt wie ein aufgequollener Korken im Flaschenhals.
Wenigstens ist dabei die vordere Hälfte meines Körpers warm, während ich mir rückseitig gepflegt den Hintern abfriere. Ich sehe mich um, ob ich irgendetwas Hilfreiches entdecke. Wäre doch supernett, wenn jemand einen praktischen Halte- und Ziehgriff für unbegabte Einbrecher neben dem Fenster angebracht hätte. Hat aber niemand.
Ich sehe nur dunkle Holzmöbel, eine Theke mit viel Edelstahl und Regale mit einer Menge Pokalen. Zu vielen Pokalen. Weshalb wir uns eine dieser Trophäen holen werden.
Das war zumindest der Plan.
„Ich geb dir fünf Dollar“, flüster-ruft Ash, „wenn du’s schaffst, bevor wir erwischt werden.“
„Ich geb dir zehn, wenn du endlich deine Klappe hältst!“
Und dann passiert es. Mein Gewicht verlagert sich zu sehr nach vorn, die Schwerkraft tut endlich, was sie tun soll, und das Nächste, was ich weiß, ist, dass ich in die Bar purzele wie ein Sack Kartoffeln. Mein Oberkörper rutscht voran, und bevor ich Mist sagen kann, falle ich komplett durch. Gläser klirren, als ich mit dem Rücken auf dem harten Boden aufschlage.
Fump. Mit einem Schlag wird alle Luft aus meinen Lungen gepresst.
„Sanfte Landung, Xander!“, ruft Ash von draußen und prustet vor Lachen.
Sehr witzig.
Ich liege auf dem Rücken und starre zur Decke. Dunkle Holzvertäfelung, Neonlichter in Blau und Weiß. Hübsch. Wenn ich jetzt noch richtig atmen könnte, wäre alles großartig. Ah, da. Die Luft kommt zurück. Mit ihr der Geruch nach schalem Bier, Putzmitteln und Sportsbar.
Irgendwo hinter mir bewegt sich etwas. Ich höre in einem Nebenraum das Klacken eines Lichtschalters, den Klang von Schritten.
Fuckmist, verdammter! Jetzt bin ich am Arsch. Der Barkeeper wird mich finden, am Boden festtackern (bestimmt!) und dann die Mannschaft der Toronto Lightnings zusammentrommeln und dann … werd ich zusammengetrommelt. Mit den Fäusten. Nach allen Regeln der Kunst. Garantiert.
Und nachdem die mit den schlimmen Dingen durch sind, wird unser Coach Millan von unserem kleinen Stunt erfahren und dann ist eh alles vorbei. Weil er mich aus der Mannschaft werfen wird. Der Coach steht nicht auf Einbrüche. Ganz generell nicht auf Dummheiten, auch wenn sie sich noch so sehr wie gute Ideen anfühlen. Scheiße!
Mein ganzer Körper spannt sich an. Aufstehen wäre eine tolle Idee. Die Schritte kommen näher. Das Knirschen von Scherben unter Schuhen. Die Schritte sind zu leicht, um von einem Barkeeper zu sein. Viel zu leise, viel zu leicht.
Ich halte die Luft an. Okay, Xander, Plan B: Gib das Opossum. Stell dich tot.
Ich starre weiter zur Decke. Das Blau der Neonröhren flackert. Die Schritte kommen näher.
Ein Schatten fällt über mich.
Eine Frau sieht mit mildem Interesse zu mir hinunter.
Sie hält ein Tablet in der Hand und trägt eine Kellnerschürze um die Hüften. Sie legt den Kopf schief, und ich weiß genau, was sie gleich tun wird. Sie wird schreien.
Tu’s nicht.
Aber sie schreit nicht. Sie grinst.
Sie geht neben mir in die Hocke, ihre dunklen Augen funkeln. „Na, schön da unten?“
„Tolle Aussicht“, krächze ich. Ich klinge immer noch etwas erstickt.
Sie mustert mich. Langsam, kritisch. Von oben nach unten. Ihr Gesichtsausdruck ist irgendwo zwischen gelangweilt und amüsiert, was mich ein bisschen nervös macht. Überhaupt macht sie mich nervös. Leute, die in solchen Situationen ruhig bleiben, sind mir nicht geheuer. Hallo? Immerhin bin ich ein Einbrecher! Ich könnte gefährlich sein. Aber sie zeigt keine Angst.
Das Wort scheint in ihrem Wortschatz nicht vorzukommen, denn sie ist die Ruhe selbst. Und schön. Schön ist sie auch. Umwerfend sogar. Tolle Augen, eine Nase wie gemalt. Süße Ohren.
Süße Ohren? Muss härter gelandet sein als gedacht.
Aber es sind ihre Haare, die mir am meisten auffallen. Pechschwarz und so dicht, dass es aussieht, als könnte man darin versinken. Sie trägt sie halb hochgesteckt und ich frage mich, wie sie wohl mit offenen Haaren aussieht. Was, wenn ich es mir recht überlege, nicht meine erste Frage sein sollte. Möglicherweise habe ich mir auf dem Weg nach unten nicht nur den Steiß, sondern auch ein bisschen den Verstand geprellt. Ich richte mich auf, damit ich zumindest sitze und nicht so unwürdig vor ihr im Kneipenstaub liege.
„Also …“ Sie lehnt sich vor. Ihre Augen sind braun oder schwarz, schwer zu sagen bei dem Kneipenlicht, das alles verfälscht. Aber definitiv schön, tief und geheimnisvoll. Mit einem frechen kleinen Glitzern darin.
Eine kleine Falte bildet sich zwischen ihren geraden Augenbrauen. „Willst du mir erzählen, was das hier werden soll? Ein Einbruch? Ein Witz für Social Media?“
Ich sitze immer noch auf dem Boden, eine Hand auf meiner Hüfte, die verdächtig brennt. Locker bleiben, Xander. Du bist schon härter aufs Eis geklatscht. Bleib einfach ganz du selbst. Charmant. Cool. Locker.
„Eigentlich trainiere ich für die kanadische Ninja-Warrior-Show“, ich klopfe mir Staub von der Schulter. „Das Fenster war die Endgegner-Challenge.“
Ihre Mundwinkel zucken, als sie aufsteht.
„Und wie siehst du dich so in der Bewertung?“, fragt sie trocken. Mit der Schuhspitze schiebt sie eine Scherbe beiseite.
„Ich sag mal ’ne glatte 10 – die Landung war wirklich smooth. Schade, dass du sie verpasst hast. Wirklich, die war sehenswert.“
Jetzt lacht sie. Kurz, aber echt. Lachen ist der erste Schritt – zu einfach allem. Vor allem hoffentlich dazu, nicht von der ganzen gegnerischen Hockeymannschaft verprügelt zu werden. Die sie hoffentlich nicht alarmiert, sobald ihr klar wird, wer da auf ihrem Fußboden liegt.
Denn auch wenn die Blizzards nicht gerade die Mannschaft Kanadas sind … die Toronto Lightnings kennen uns auf jeden Fall, die kleinen Fucker. Sie haben in der letzten Saison unser Maskottchen gestohlen! Und deshalb liege ich jetzt mit geprellter Hüfte auf dem Boden ihrer Stammkneipe: Auge um Auge, Maskottchen um … na ja, Pokal. Weil sie keine praktische Pappfigur von ihrem dämlichen Maskottchen haben. Und wir das deshalb nicht stehlen konnten. Sie haben nur diesen Kerl im Kostüm, aber einen Typen in hellblauer Plüsch-Blitz-Verkleidung zu entführen war uns dann doch eine Nummer zu groß. Obwohl sie es verdient hätten, diese verdammten Angeber!
Natürlich sage ich kein Wort davon, sondern sehe bemüht unschuldig aus.
Die Barkeeperin schiebt eine Haarsträhne hinter ihr Ohr und beugt sich zu mir runter, bis ihre Augen auf meiner Höhe sind. „Aber du weißt, dass ich dich nicht hier rauslasse, ohne zu wissen, was du wirklich willst.“
Ihr Blick ist jetzt nicht mehr belustigt. Jetzt beobachtet sie mich wie eine Gegnerin, die herausfinden will, wo meine Schwachstelle ist. Sie macht das gut. Sehr gut.
„Was ich will?“ Ich tue, als müsste ich darüber nachdenken, reibe mir das Kinn wie ein Ermittler in einem alten Krimi. „Also, was ich wirklich will, ist eine riesige Pizza mit doppelt Käse. Sieht aus, als wäre ich irgendwie im falschen Laden gelandet.“ Ich rappele mich auf und wische mir den Staub von der Hose. „Nichts für ungut. Ich … geh dann mal, ja?“
„Und du willst nicht ganz zufällig etwas ganz anderes?“
Ihr Lächeln ist geradezu anzüglich und verursacht eine katastrophale Fehlschaltung in meinem Hirn. Etwas anderes? Holla, ja, bitte! Ihr knallroter Lippenstift würde sich extrem gut auf meiner Haut machen … Aber ihr Blick gleitet nicht verlangend über meinen Adonis-Körper, sondern zu den Pokalen. Hach. Schade. Das Leben ist eben kein Pornofilm.
„Ich gebe es zu. Ich habe gelogen.“ Verstecken ist jetzt sowieso zwecklos „Ich wollte gar keine Pizza.“
„Ach was.“ Sie verschränkt die Arme vor der Brust. „Hätte mich auch gewundert, wenn du – wie viel? 400 Meilen? – aus Squamish angereist wärst, nur um Pizza zu essen. Toronto ist eher für Peameal Bacon Sandwich bekannt.“
Warte. Sie weiß, in welcher Mannschaft ich spiele?! Wieder veranstaltet mein armes Hirn Unsinn, faselt etwas von Fan mit roten, glänzenden Lippen. Bleib sachlich, Xander! Hier wird nicht von einer Frau fantasiert, die der dämlichsten Gegenmannschaft ever Getränke ausschenkt. Sie ist garantiert kein Fan!
„Hm. Ja. So ein Sandwich soll auch gut sein.“ Ich rapple mich auf und versuche, aufrecht zu stehen. Autsch!
Sie zieht ungeduldig eine dünne, schwarze Augenbraue hoch. „Also?“ Sie lächelt süffisant und fügt hinzu: „Was machst du hier, Goalie?“
Sie weiß es! Sie weiß ganz genau, wer ich bin!
Ich seufze. Ich versuche, ein bisschen gerader zu stehen, aber das fiese Ziehen in meinem Rücken zwingt mich in eine schräge Haltung. Ach, dann versuche ich das halt als lässig zu verkaufen. „Ich hab von der Bar der Lightnings gehört – da wollte ich mal gucken, ob der Service wirklich so schlecht ist, wie alle sagen.“
Ihre Augenbrauen heben sich, und dann schüttelt sie den Kopf. „Du bist entweder sehr dämlich. Oder du hast echt keine Angst.“
„Oh, ich habe Angst“, sage ich und lege eine Hand auf mein Herz. „Ich hab Angst vor großen Hunden, Nacktschnecken und meinem Trainer. Und ein bisschen fürchte ich mich auch vor dunkelhaarigen Ladys mit Killerblick.“
Sie lacht laut. „Wenn du also Angst hast, gilt Option zwei.“
„Die habe ich vergessen, was war das nochmal?“
„Du bist sehr dämlich, Xander.“
Oh mein Gott, diese Wahnsinnsfrau weiß sogar meinen Namen!
Die mit * versehenen Links sind Affiliate Links. Das heißt: Ich verdiene an qualifizierten Verkäufen. Das bedeutet, dass ich eine kleine Provision erhalte, wenn du über diesen Link einkaufst – für dich entstehen keine zusätzlichen Kosten.
Ryan
Die Squamish Arena ist bis zum Rand gefüllt mit erwartungsvollen Fans, als ich neben meinem Vater in der Loge stehe. Nicht nur die Fans, auch ich bin erwartungsvoll. Was natürlich Unsinn ist, denn ich bin schon lange nicht mehr in dem Alter, in dem ich meinem Dad aufgeregt mein neustes Projekt zeigen sollte – und trotzdem tue ich genau das.
Ich könnte mich treten. Ryan, werd verdammt noch mal erwachsen! Dir gehört eine fucking Hockey-Mannschaft, du hast diverse Auszeichnungen als Schauspieler und trotzdem …
Ich beobachte meinen Vater aus den Augenwinkeln, wie er mit finsterer Miene aufs Spielfeld starrt, wo die Spieler sich vorbereiten. Mein Dad ist der Typ Vater, den man Sir nennen will und geradestehen, sobald er den Raum betritt. Nach über dreißig Jahren habe ich diesen Reflex gut im Griff und kann betont locker aussehen, egal, wie eisig er mich ansieht. Aber ein kindlicher Anteil in mir noch will immer noch extrem brav sein. Ja, ich habe einen Therapeuten, vielen Dank, nein, es hilft nicht. Noch immer warte ich auf ein Lob von ihm. Seufzend sehe ich aufs Spielfeld.
Die Squamish Blizzards, mein ganzer Stolz (und meine Mannschaft), sollten eigentlich zu emotionalen Ausbrüchen bei meinem Vater führen, aber er guckt genauso wie damals, als ich ihm eröffnete, dass ich nicht in die Footballmannschaft gehe, sondern in die Theater-AG. Wie viele Jahre ist das her? Zwanzig?
„Nun, Dad, was hältst du von meiner Hockey-Mannschaft?“
Mein Vater runzelt die Stirn und mustert die Spieler auf dem Eis. „Es sieht nach einer anständigen Truppe aus.“
Ich nicke und atme erleichtert aus. Es sollte nicht mehr wichtig sein, was dieser grantige, alte Mann von mir denkt.
„Hoffe nur“, grummelt er, „du bringst das hier mal zu Ende und kneifst nicht gleich, wenn es Schwierigkeiten gibt.“
Ich lasse mein Gesicht so ausdruckslos wie möglich. Er weiß natürlich trotzdem, dass ich innerlich mit den Augen rolle.
„Was denn?“ Mein Vater zuckt mit den Schultern. „Dauernd hast du dumme neue Ideen, nichts bringst du zu Ende.“
„Siebzehn Filme“, sage ich. „Das ist nicht nichts und ich habe alle zu Ende gebracht.“
„Mhm.“ Filme sind für ihn Spielkram. „Ein Mann in deinem Alter sollte andere Prioritäten haben.“
„Und welche bitte?“ Warum? Warum frage ich das und halte nicht einfach die Klappe, nicke und setze ihn in einer Stunde wieder in den Zug?
„Familie“, sagt mein Vater. „Du solltest langsam mal Verantwortung im Leben übernehmen.“
Wortlos deute ich mit beiden Händen auf die Mannschaft. Da! Bitte schön, Verantwortung! Viel davon. Und nicht nur für sie, auch für alle, die mit den Blizzards zu tun haben.
„Ein richtiger Mann hat in deinem Alter seinen Platz im Leben gefunden. Hat eine Frau. Familie.“ Er schüttelt den Kopf. „Warum hast du dich nur von dieser Danielle getrennt? Das war ein nettes Mädchen.“
Ich seufze. „Weil Danielle nur vor der Kamera sehr nett war.“ Und mit Allüren und Boshaftigkeiten um sich warf, sobald die Kamera aus war. Ich habe sie nie meinem Vater vorgestellt. Hätte ich vielleicht doch machen sollen, dann würde er das nicht jedes Mal zur Sprache bringen, wenn wir uns sehen. Brav einmal im Quartal, weil ich es öfter nicht aushalte und für seltener ein zu schlechtes Gewissen habe. Seit Mom gestorben ist, ist er ganz allein in dem großen Haus und hat nichts außer seiner schlechten Laune. Also hole ich ihn regelmäßig ab, damit er die Welt und mich beschimpfen kann. Ich glaube, es tut ihm gut. Mir … manchmal auch. Aber heute nicht so sehr.
Auf dem Eis wird gejohlt, der Stadionsprecher klingt aufgeregt und ich streite mich mit meinem Dad über meinen Beziehungsstatus.
„Ist doch ein niedlicher Ort“, sagt mein Vater jetzt. „Dieses Squamish. Du kannst mir doch nicht erzählen, dass es hier keine Frauen gibt, die gern mit dir ausgehen würden.“
Meine Nerven. Ich massiere meine Nasenwurzel. „Das ist nicht das, wofür ich hergekommen bin. Das ist eine Eishockeymannschaft, keine Partnervermittlung.“
„Na ja“, grummelt er. „Ein Vater will doch nur, dass sein Sohn glücklich ist.“
Meine Augenbrauen wandern nach oben und die Mundwinkel meines Vaters nach unten. Offenbar sind wir uns da beide nicht so sicher, ob er das will.
„Und ich hätte nichts gegen Enkelkinder“, sagt er und verschränkt die Arme vor der Brust. „Jemand, der den Namen Thornton weiterführt.“
Oh, nein. Nicht das schon wieder. Als wären wir alter, kanadischer Adel. Wenn er erst einmal bei den Enkeln angekommen ist, die ich ihm vorenthalte, hört er nicht mehr auf.
„Du könntest ruhig mal …“, setzt mein Vater an, als ich plötzlich rufe „Ich bin verlobt!“
Was? Ich meine was zur Hölle? Wo kam das denn jetzt her? Muss ein Schauspiel-Reflex sein, oder ich habe seine Vorwürfe einfach zu oft gehört und mein Hirn hat sich für eine lustige Übersprunghandlung entschieden.
Verlobt. Sicher doch. Was jetzt? Ich könnte mir mit der flachen Hand gegen die Stirn schlagen, entscheide mich aber für ein doofes Grinsen, das auch als Verlegenheit durchgehen könnte.
„Verlobt?“ Mein Vater spricht lauter als der Stadionsprecher, dessen Stimme sich fast vor Aufregung überschlägt.
Muss ein sensationelles Spiel sein, aber ich bekomme es nur mit einem halben Auge mit.
„Na endlich“, sagt mein Vater und klopft mir auf die Schulter, als hätte ich endlich, endlich einmal etwas Vernünftiges hinbekommen.
Nur, dass es eben gelogen ist. Ich bin so weit von einer Verlobung entfernt wie von einem Oskar für den besten Hauptdarsteller. Okay, ruhig bleiben. Heute Abend ist Dad auf dem Weg zurück, also kann ich diese kleine Notlüge aufrechterhalten. Bis er das nächste Mal nachfragen kann, ist meine entzückende Verlobte eben nach Sonstwo durchgebrannt, weil sie nicht mit einem Schauspieler zusammen sein will. Wäre nicht das erste Mal.
„Wann lerne ich sie kennen?“ Dad runzelt die Stirn. „Weihnachten? Du wirst jawohl Weihnachten nach Hause kommen.“
Okay, das wären dann nur vier Wochen, um eine Romanze zu erfinden und glaubhaft zu beenden.
„Oh, äh …“ Ich kann einem Millionenpublikum glaubhaft versichern, dass ich mich mit einer riesigen Echse unterhalte (die eigentlich nur ein Mann in einem grünen Anzug ist), aber meinen Dad kann ich nicht anlügen.
Ich überlege, wie ich aus dieser unangenehmen Situation herauskomme. Jetzt wäre ein Ablenkungsmanöver toll. Irgendwas, bitte. Gerade überlege ich, ob ich eine Hockwende über die Brüstung machen und durch die Ränge darunter abhauen sollte, als einer der Blizzards-Spieler plötzlich aufs Eis stürzt und schmerzvoll aufschreit. Die Zuschauer halten den Atem an, und das Spiel wird gestoppt, aber schon fliegt der erste Helm und meine Spieler gehen auf die Gegenmannschaft los.
Nicht ideal, aber ich nehme, was ich kriegen kann. Ich drehe mich zu meinem Vater. „Tut mir leid, Dad, ich muss unbedingt zu meiner Mannschaft. Wir sprechen später, okay?“
Mein Vater verdreht die Augen. „Siehst du? Nicht mal ein Gespräch kannst du zu Ende bringen.“
Mit einem Nicken verlasse ich die Loge und beeile mich, zum Spielfeld zu gelangen. Ich glaube, ich setze mich lieber mit einem Rudel wütender Männern in Hockeymontur auseinander als mit meinem Vater. Feigling? Ich? Aber hallo.
Die mit * versehenen Links sind Affiliate Links. Das heißt: Ich verdiene an qualifizierten Verkäufen. Das bedeutet, dass ich eine kleine Provision erhalte, wenn du über diesen Link einkaufst – für dich entstehen keine zusätzlichen Kosten.
Scarlett
Okay. Los geht’s. Auf dem Eis ist Aktion, die Geräuschkulisse stimmt, ich habe meinen Lieblingsschal um. Dann könnten die Ideen ja jetzt kommen!
Erwartungsvoll starre ich auf das weiße Papier meines Notizbuches. Diese Notizbücher trage ich mit mir herum, seit ich einen Stift halten kann. Früher, um Ideen für Spiele oder Kurzgeschichten zu sammeln, heute notiere sorgfältig alle Ideen für meine Romane darin. Der erste Entwurf jeder meiner Geschichten entsteht nicht an einem Schreibtisch, sondern immer an einem inspirierenden Ort. Das gleiche gilt für fehlende Szenen, und im meinem neusten Buch fehlt noch einiges, aber die Deadline naht. Meine Agentin und meine Verlegerin sitzen mir im Nacken, aber in meinem Kopf herrscht Leere.
Zu Hause fällt mir nichts ein, also sitze ich mit einigen Jungs der Squamish Blizzards auf der Auswechselbank und versuche, mich zu konzentrieren. Eigentlich ist das hier mein Lieblingsplatz, weil ich hier immer die besten Ideen für meine Liebesromane bekomme. Was daran liegen könnte, dass es darin um Eishockeyspieler geht. Aber seit Wochen ist irgendwie alles anders. Mir fällt absolut nichts ein! Gar nichts!
Mir fehlen nur noch wenige Kapitel bis zum Happy End, aber im Moment sieht es aus, als würde ich da nie ankommen. Weder auf dem Papier noch im echten Leben. Ich werfe einen sehnsüchtigen Blick aufs Spielfeld, wo sich gerade ein paar Spieler der Blizzards ein wildes Rennen auf Kufen liefern und seufze leise.
Neben mir lässt sich Ash (Ex-Schwager, Ex-Single, Dauer-Angeber) in seiner schweren Ausrüstung fallen und schielt neugierig auf mein Notizbuch. „Na, wie läuft es so, Lieblingsschreiberline?“
„Gar nicht!“ Ich halte ihm die leeren Seiten anklagend entgegen. „Ich bin so kreativ wie Toastbrot! Ich bin mental ausgesprudelt wie drei Tage alte Cola! Mir fällt einfach nichts Romantisches mehr ein!“
Ich lehne mit gespieltem Wimmern meinen Kopf an seine Schulter. Uh, er duftet nicht gerade nach Rosen.
„Komm schon, Scar“, sagt Ash und tätschelt mir tröstend den Kopf. „Dir fällt doch sonst immer etwas ein. Lass uns jetzt nicht hängen.“
„Genau“, stimmt Xander ein. „Wir brauchen dich – deine Bücher sind Werbung für uns! Sie lassen uns bei der Damenwelt ausgesprochen gut aussehen!“
Xander, der Goalie mit seinen leuchtend hellgrünen Augen und den wilden Locken braucht meine Bücher sicher nicht als Unterstützung.
Alle reden durcheinander und überschlagen sich mit Vorschlägen, was ich tun könnte, um meine Schreibblockade zu überwinden: Von einem Spaziergang in der Natur bis hin zum Durchforsten von Antiquitätenläden nach Inspiration.
„Was haben denn Antiquitätenläden mit Eishockey-Liebesromanen zu tun?“
Sullivan, von dem der Vorschlag kommt, zuckt mit den Schultern. „Weiß nicht“, sagt er grummelig. „Finde sie romantisch. Vielleicht eröffne ich einen, wenn ich alt bin.“
Wir alle sehen ihn eine Weile verwirrt an, aber niemand traut sich, nachzufragen. Sullivan ist in Gedanken und guckt dabei wie ein osteuropäischer Bösewicht aus einem James Bond Film. Passt zu ihm, auch wenn er aus Seattle stammt und nicht aus Moskau. Er ist groß, größer als die meisten im Team, alles an ihm ist kantig und gradlinig, von den Augenbrauen bis zum Kinn. Wenn er nicht gerade vor sich hinschweigt, grummelt er kurze Sätze. Auf dem Eis ist er eine Naturgewalt, wer sich ihm in den Weg stellt, wird weggefegt, weshalb er von den paar Fans, die wir haben, liebevoll „Zamboni“ genannt wird – nach dem Spitznamen für die Eisbearbeitungsmaschinen. Sully ist ein Schrank auf Kufen. Ein sehr wendiger Schrank.
„Okay“, ich nicke ihm zu. „Wird notiert. Was habt ihr noch?“
Ich sehe in ratlose und verschwitzte Gesichter. Coach Millan scheucht die Spieler heute wieder richtig, denn er hat sich auch in den Kopf gesetzt, diese Truppe Underdogs ganz nach oben zu bringen und so ist auch dieses Training wieder richtig hart.
Da mir nichts für mein neues Buch einfällt, notiere ich mir wenigstens ein paar Übungen aus dem Training, die ich später selbst ausprobieren will. Denn ich bin nicht nur zufällig der größte weibliche Fan der Squamish Blizzards, sondern auch das offizielle Maskottchen der Blizzards. Wenn ich nicht gerade mit einem Notizbuch und einer Schreibblockade auf der Bank sitze, tanze ich im Schneemannkostüm übers Eis und höre auf den Namen Flurry. Ich liebe es, die Fans anzuheizen und mit den Kindern zu spielen und vor allem liebe ich meine Mannschaft.
Aber bei aller Liebe – bei einigen Spielen verhalten sich die Jungs wie ein Rudel betrunkener Waschbären mit Eishockeyschlägern. Würde ich ihnen natürlich nie sagen, weil: Liebe. Aber manchmal zweifle ich doch ein bisschen an meiner Lieblingsmannschaft.
Ash und Blake sind Vollprofis, Sullivan ist … Sullivan. Xander hat sicher die besten Goalie-Reflexe nördlich der kanadischen Grenze, aber dann sind da ja noch achtzehn andere Spieler.
Die zwölf, die jetzt auf dem Eis sind und als Mannschaften gegeneinander antreten, machen gerade nicht den besten Eindruck. Coach Millan, der vor mir an der Bande steht, zerzaust sich zum x-ten Mal die Haare. Armer Wikinger, wenn das so weitergeht, ist er weißhaarig, bis die Saison richtig startet.
Sogar Jackson, mein bester Freund und der rechte Flügelstürmer, macht heute einen planlosen Eindruck. Dabei hat er den ganzen Sommer über so hart trainiert. Wir haben uns kaum gesehen, sogar unser jährliches Paddeln in der Bucht ist seinem Trainingseifer zum Opfer gefallen. Und jetzt stolpert er fast über die eigenen Kufen! Das ist ja nicht mit anzusehen!
Also kümmere ich mich lieber wieder um die Vorschläge der Jungs, aber Eishockey und Romantik scheint in der Realität weit auseinander zu gehen.
„Nichts?“, frage ich. „Ihr seid doch so gut darin, Frauen abzuschleppen, und euch fällt absolut nichts ein?“
Peinlich berührtes Schulterzucken und Stille … bis Ash schließlich sagt: „Warum fragst du nicht Jackson? Der hat sicher eine Idee.“
„Jackson?“ Ich weiß ja nicht. Wir sind seit unserer Kindheit befreundet, aber besonders romantisch habe ich ihn noch nie erlebt. Aufbrausend, lustig und beschützend ja, aber romantisch? Fehlanzeige.
Ash grinst schelmisch. „Oh, stille Wasser, du weißt schon.“
Er winkt Jackson, der gerade zur Bande gefahren kommt und fluchend seinen Helm abnimmt. „Hey, Jackson, komm mal her, Scar braucht dich.“
„Also brauchen ist jetzt vielleicht übertrieben“, murmele ich leise, doch Jackson ist schon auf dem Weg zu uns.
Hilfsbereit wie immer. Er ist der Freund, den ich nachts um drei anrufen kann, wenn eine Monsterspinne aus meinem Schlafzimmer ausziehen muss oder meine Heizung nicht funktioniert. Und der meinen Exmann Blake verprügelt hat, weil er geglaubt hat, Blake hätte mir das Herz gebrochen. Wochenlang nach Blakes Rückkehr nach Squamish hat Jackson nicht mit seinem ehemals besten Freund gesprochen. Meinetwegen. Dabei ist das mit Blake und mir seit bestimmt hundert Jahren vorbei. Durchgefühlt und abgeschlossen.
Jackson lässt sich auf der anderen Seite neben mir auf die Bank fallen und sieht mich aus seinen dunklen Augen fragend an. „Was gibt’s?“
Ash stupst mir mit dem Ellenbogen in die Seite, aber ich finde meine Frage plötzlich aus unerfindlichen Gründen albern und will Jackson jetzt lieber doch nicht damit behelligen.
Ash seufzt. „Unsere Lieblingsautorin hat eine Schreibblockade und ich weiß zufällig ganz genau, dass du ihr helfen könntest.“
Jackson runzelt die Stirn, eine Augenbraue erstaunt hochgezogen. „Kann ich das?“
Ash nickt eifrig. „Klar, sie braucht ein paar romantische Ideen und dafür bist du doch der ideale Ansprechpartner.“
Jackson atmet langsam und kontrolliert ein, so, als müsste er sich zusammenreißen, Ash nicht anzubrüllen. Er reibt sich mit der Hand über seinen dunklen Bartschatten und schließt die Augen, dann nickt er langsam und ein leichtes Lächeln spielt um seine Lippen. „Ja, jetzt wo du es sagst. Ich glaube, ich könnte dir wirklich helfen, Scar.“
Ich sehe ihn an und plötzlich fühlt es sich an, als hätte jemand Feuer in meinem Bauch entzündet. Ich muss woanders hinsehen als in seine fast schwarzen Augen. Seit Monaten wird mir warm und schwindelig, wenn ich in diese tiefen Augen sehe. Was wirklich ärgerlich ist, denn Jackson ist so gar nicht mein Typ. Groß, dunkelhaarig und lieb. Ein Bär von einem Freund halt. Und verdammt gutaussehend mit seinen breiten Schultern, der schlanken Taille und vor allem diesem Gesicht – ah! Hör auf, Scar! Bester Freund, nicht neuster Schwarm.
Aber er ist wirklich ein toller Mann! Jackson ist im Gegensatz zu Ash nie ein Aufreißer gewesen, und wenn er mal eine Frau kennenlernt, dann vergisst er sie nicht direkt wieder. Keine Ahnung, wie romantisch Jackson so ist, denn wir sprechen zwar über vieles, aber nie über … egal. Wenn ich ehrlich bin, will ich auch wirklich nichts darüber wissen, was Jackson für andere Frauen empfindet. Aber ich bin mir sicher, dass er sich viel Mühe gibt, wenn er verliebt ist. Ash sieht gespannt zwischen uns beiden hin und her, als erwarte er einen ausgesprochen spannenden Wortwechsel. Nachdem ich alle anderen gefragt habe, kann ich Jackson nicht auslassen. Das würde auffallen. Vor allem Ash, und dann …
„Also“, sage ich und zücke meinen Stift. „Schieß los, Jackson. Was hast du für Ideen?“
Jackson wiegt nachdenklich den Kopf hin und her. „Ich habe so einige Ideen, aber ich glaube, es klingt langweilig, wenn ich die einfach erzähle. Ich habe einen besseren Plan: Ich werde uns eine Liste von superromantischen Aktivitäten zusammenstellen und dann arbeiten wir diese Liste gemeinsam ab.“
„Oh, großartige Idee!“ Ganz, ganz dumme Idee!
„Ich weiß doch, wie du arbeitest“, sagt er und streicht sich seine dunklen Haare aus der Stirn. „Als du über diese Bäckerei geschrieben hast, mussten wir tagelang Cupcakes backen, damit du weißt, wie sich das anfühlt und welches Frosting das Beste ist. Also helfe ich dir auch dieses Mal.“
Ich nicke. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, ist es so gut wie unmöglich, ihn davon abzubringen. „Du kennst mich eben wirklich.“ Ich lächele schwach. „Okay, wann geht’s los?“
„Morgen“, sagt er mit funkelnden Augen.
Gott, diese Augen! Romantik mit Jackson. Na, das kann ja was werden.
Die mit * versehenen Links sind Affiliate Links. Das heißt: Ich verdiene an qualifizierten Verkäufen. Das bedeutet, dass ich eine kleine Provision erhalte, wenn du über diesen Link einkaufst – für dich entstehen keine zusätzlichen Kosten.
Ash
Heute Abend stehen wir gegen die Yellowknife Yetis auf dem Eis und ich weiß, dass sie es nicht leicht haben werden.
Die Zuschauer johlen, als ich mich mit meinem Schläger in Position bringe. Der Puck fliegt auf mich zu und ich nehme ihn mit Leichtigkeit auf. Dann führe ich einen raschen Pass auf Blake und er schießt sofort – aber der Goalie der Yellowknife Yetis pariert den Schlag! Die Yetis können sich glücklich schätzen, dass sie dieses Mal kein Gegentor bekommen haben.
Ich laufe zurück in meine Zone und sehe gerade noch, wie unser Verteidiger den Puck von einem Angreifer abfängt. Er spielt ihn mir zu und ich sprinte los – direkt auf die gegnerische Torlinie zu! Die Fans jubeln lautstark, als ich mitten im Sprung den Puck ins Netz befördere: 1:0 für uns!
Die Yetis versuchen nun alles, um den Ausgleich zu erzielen – aber da haben sie keine Chance gegen uns. In der letzten Minute des Spiels steht es 3:0 für uns Blizzards und die Zuschauer feiern bereits unseren Sieg. Wäre das auch geklärt.
***
Ich ziehe meine Schlittschuhe aus und werfe sie in die Ecke. Mein Trikot folgt ihnen und ich steige aus der Hose. Die Jungs jubeln und klatschen, als ich in die Kabine komme. Ich verneige mich übertrieben und winke huldvoll. Das Spiel war ein Kinderspiel. Aber klar, es ist die Provinz und ich spiele in einem Provinz-Team. Also, wen wundert es? Vor allem: Wen interessiert es?
„Hey, Ash!“, ruft Blake von der anderen Seite des Raumes. „Gutes Spiel heute!“
Ah, ja. Ihn interessiert es! Blake, Center der Squamish Blizzards und bester Bruder von allen. Wenn auch eine katastrophale Nervensäge. Vor ein paar Wochen stand mein großer Bruder (zwei Jahre älter, bildet er sich Wunder was drauf ein) vor meiner Tür. Vor der Tür meiner Villa in Vancouver, wohlgemerkt. Um mich zurück nach Hause zu schleifen, zurück nach Squamish. Keine Villa, kein Profi-Verein, dafür die Squamish Blizzards und eine Unterbringung in dem Mannschaftshaus Ich! Mit anderen Spielern! Wie so ein Anfänger, dabei bin ich Ash McDonald! Talentiertester linker Außenstürmer Kanadas. Und wo schleppt mein Bruder mich hin? Ins Nirgendwo!
Nur weil es ein, zwei unvorteilhafte Fotos von mir im Internet gibt und Mom der festen Überzeugung war, ich wäre auf dem direkten Weg in die Hölle. Mindestens. Geht natürlich so nicht. Obwohl ich die Hölle für einen recht amüsanten Ort halte, will ich nicht, dass Mom sich meinetwegen zu sehr aufregt. Was tut man nicht alles für seine Mom? Da zieht man dann auch als hundert Kilo Kerl mit eigenem Leben mal eben zurück in die Kleinstadt. Ist ja nur für die Nebensaison, bis Mom beruhigt ist (und die Presse da draußen sich wieder eingekriegt hat) und ich zurück zu einem richtigen Verein kann.
„Du warst unglaublich“, sagt Xander, der Goalie, im Vorbeigehen.
Ich verbeuge mich spielerisch und grinse breit. „Na klar, was hast du denn erwartet?“
Xander lacht. Blake verdreht die Augen.
Ich werfe eine Socke nach Blake. „Ich glaube manchmal, du weißt mein großes Talent gar nicht zu schätzen.“
„Ich sehe nur ein großes Ego“, ruft Blake und erntet Applaus vom Team.
Banausen.
Ich winke meinem Bruder zu und ende damit, ihm den Mittelfinger zu zeigen. Ich gehe zum Spind, um meinen Sachen hineinzuwerfen. Dann nehme ich meine Duschsachen und begebe mich zum Duschraum. Sollen sie doch hier rumflachsen.
Die Wasserstrahlen prasseln auf meinen Körper und entspannen mich sofort. Ich lehne mich an die Wand und lasse den Kopf sinken, während das heiße Wasser über mich fließt. Es fühlt sich gut an – nach dem Sieg noch besser … Perfekt wäre es, wenn es der Sieg über einen ernst zu nehmenden Gegner mit einer richtigen Mannschaft wäre und nicht mit einem Team aus der Provinz. Irgendwann werde ich es wieder schaffen, bei den ganz Großen mitzuspielen. Ganz bestimmt.
Ich gehe über den Parkplatz, werfe meine Tasche über die Schulter. Die Jungs sind alle noch in der Kabine und feiern, aber ich bin gelangweilt und will nach Hause. Ein Freundschaftsspiel in der Nebensaison, was gibt es da zu feiern?
Als ich an einem Auto vorbeikomme, höre ich laute Stimmen. Ein Mann faltet seine Freundin zusammen, und zwar so, dass man es von hier nach Calgary hören kann.
„Wie kannst du das nicht gesehen haben?“, brüllt er sie an. „Das sieht sogar ein Blinder!“
Sie steigen aus, Autotüren werden zugeworfen, er pöbelt weiter. Keine Ahnung, worum es geht, aber das ist auch völlig egal. Man spielt sich nicht wie ein Berserker auf und macht Leuten Angst. Schon gar nicht, wenn es sich bei Leuten um niedliche Blondinen handelt. Was will die wohl mit einem Typen wie ihm? Er ist einer von den Kerlen, die hauptsächlich wegen des Bieres zu den Spielen kommen. Vermutlich hat der Typ das letzte Mal in der Highschool selbst Sport gemacht. Würde man das Alter von Männern wie bei Bäumen in Bierbauchringen berechnen, dann ist seine Highschool-Zeit definitiv lange vorbei. Er trägt einen stolzen Bierbauch unter dem Shirt, das unter seiner Jagdjacke hervorblitzt.
Die Blonde ist verzweifelt und weint jetzt; der Mann scheint es nicht einmal zu bemerken. Er motzt immer weiter auf sie ein und macht ihr Vorwürfe. Ich beschließe, mich einfach ganz unverbindlich neben sie zu stellen. Mal gucken, was der Kerl dann so sagt.
„Alles okay?“, frage ich sie leise. Sie nickt tapfer, aber ich sehe die Angst in ihren Augen. Der Mistkerl hat sie total verängstigt!
Ich blicke dem Arschloch in die Augen. „Na, welche Laus ist uns denn über die Fettleber getrippelt?“
Irgendwo im Hinterkopf höre ich meinen Bruder endlose Vorträge über Provokation und Schlägereien halten. Aber ich bin doch nun wirklich nicht daran schuld, dass dieser Kerl so um Schläge bettelt?
Außerdem muss ich eigentlich nie handgreiflich werden, aus irgendwelchen Gründen reicht es vielen streitlustigen Typen, einen Blick auf meine Größe zu werfen, um den Schwanz einzuziehen. So auch Mr. Bierbauch.
„Äh, ja. Nichts für ungut“, sagt er, „aber mein Mäuschen und ich haben hier gerade ein Gespräch.“
„Habt ihr das? Ist ein ziemlich einseitiges Gespräch, hm?“ Ich schiebe meine Ärmel ein Stückchen hoch, ganz nebenbei. „Und ziemlich laut.“
Er mustert mich. „Du bist der neue Flügelstürmer, oder? Gutes Spiel.“
Ich starre ihn weiter an. Irgendwie wird seine Laune davon nicht besser.
„Könntest dich wenigstens bedanken“, knurrt der Kerl leise.
„Wofür denn?“, frage ich unschuldig. „Du hast doch nichts damit zu tun, dass ich ein guter Spieler bin.“
„Hä?“
„Ach so“, sage ich, „ich soll mich bedanken, weil du das bemerkt hast? Es gehört nicht viel dazu, das festzustellen. Dass ich gut spiele, sieht doch ein Blinder!“
Seine Freundin kichert, erfasst die Situation aber besser als er. Sie macht vorsichtig ein paar Schritte rückwärts, lächelt mich dabei dankbar an.
„Machst du dich über mich lächerlich?“, fragt ihr Freund.
„Nein, nicht doch. Ich mache mich über dich lustig!“ Ich schüttele den Kopf und raune seiner Freundin zu: „Passiert ihm das öfter?“
Sie ist wirklich hübsch, vielleicht hat sie später noch Lust, sich von mir über die Trennung hinwegtrösten zu lassen. Denn ihrem Blick nach ist der Kerl eindeutig ihr Ex. Seit … jetzt. Ich sehe den Moment in ihren blauen Augen, in dem sie die Beziehung für sich beendet. Sie lacht laut auf, er schnaubt und geht auf mich los. Jedes Mal!
„Benutz deine Wörter“, rufe ich und ducke mich unter einem Schlag weg. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie mein Bruder auf den Parkplatz kommt. Ah, sein Timing. Schon immer doof. Also ich brülle lautstark: „Ich darf mich nicht prügeln!“
Leider findet der Bierbauchträger, dass er mich trotzdem verprügeln sollte. Trotz Eishockeyspieler-Schultern und obwohl ich doch gerade gesagt habe, dass ich mich nicht prügeln werde. Hört mir denn nie jemand zu? Also muss ich seinem nächsten Schwinger ausweichen. Ich werfe meine Tasche zur Seite und tänzel vor ihm herum, was ihn nur noch wütender macht.
Blake ruft eine Warnung und ich stelle fest, dass hinter mir eine Gruppe Kinder mit ihrer Lehrerin den Parkplatz überquert. Schlägerei vor Kids, das wird er mir sicher wieder ewig vorhalten. Ich zeige also auf die Kinder, um dem Schläger zu signalisieren, dass wir eine Pause einlegen müssen. Ist ihm aber egal, denn er holt schon wieder aus.
Ein Mädchen mit einem großen Plüschbiber im Arm ist neben mir stehen geblieben und sieht mich entsetzt an.
„Oh, hi, kann ich mir den Biber kurz leihen?“ Ich reiße das Stofftier aus ihrer Hand und halte ihn gerade rechtzeitig hoch, um damit den nächsten Schlag abzufangen. Mr. Bierbauch gerät aus dem Gleichgewicht, weil er ein Stofftier mit der Wucht geschlagen hat, die für mich vorgesehen war. Ich höre Stoff reißen, Watte fliegt. Hm. So ein Plüschtier hält nicht so viel aus.
Bierbauch liegt am Boden, ich halte einen Plüschbiberkopf in der Hand, das Mädchen kreischt auf und fängt an zu heulen, die Blondine lacht, irgendwer ruft: „Bitte lächeln“, Blake flucht und die Lehrerin der kleinen Biberbesitzerin sieht mich aus bernsteinfarbenen Katzenaugen an, als wollte sie mich am liebsten nachsitzen lassen.
Vielleicht denkt sie sogar an den Rohrstock für mich. Ach, das wäre doch mal neu. Ich zwinkere ihr zu, aber anscheinend hat sie nicht die gleichen Fantasien wie ich. Sie ist ernsthaft wütend.
Die mit * versehenen Links sind Affiliate Links. Das heißt: Ich verdiene an qualifizierten Verkäufen. Das bedeutet, dass ich eine kleine Provision erhalte, wenn du über diesen Link einkaufst – für dich entstehen keine zusätzlichen Kosten.
Harper
Als ich nach fast sieben Stunden Zugfahrt aus dem Zug steige, rattert der Boden unter meinen Füßen noch weiter.
Die ganze Zugfahrt von Calgary nach Vancouver über war ich mit Recherche und – sehr zur Freude meiner Mitreisenden – Telefonaten mit meiner Chefin Simone so beschäftigt. So sehr, dass ich darüber fast vergessen habe, dass ich diese Reise gar nicht antreten wollte. Erst jetzt, wo ich am vereinbarten Treffpunkt an der Pacific Central Station in Vancouver stehe und beobachte, wie Reisende aus den Zügen steigen und an mir vorbeiströmen, will ich nichts lieber als zurück nach Calgary. In meine kleine Wohnung. Plötzlich ist mir das alles zu real. Über Eishockey zu recherchieren war gerade noch erträglich. Aber jetzt? Muss ich da wirklich hin?
Ich wickele mich etwas enger in meine warme Jacke. Die angekündigten sieben Grad fühlen sich deutlich kälter an. Ich wäre wirklich lieber zu Hause, wo es warm ist, und ich entspannt vom PC aus Artikel für das Maple Leaf Buzz-Magazin schreiben kann. Aber nein, David musste ja krank werden!
„Harper!“, rief er ins Telefon. Mit der Betonung, mit der Astronauten „Houston!“ rufen.
David ist jemand, der zufällig immer dann krank wird, wenn er auf eine Story überhaupt keine Lust hat.
„Du musst die Eishockey-Story übernehmen! Das ist doch genau dein Ding, oder?“
Nein. Ist es nicht. Ich kann Eishockey nicht ausstehen! David war aber der Überzeugung, dass jede kanadische Frau, die etwas auf sich hält, Eishockey liebt. Aha. Ich bin mir sicher, dass es in jedem Land ein oder zwei Frauen gibt, die dem Nationalsport nicht allzu viel abgewinnen können. Oder ihn – wie ich – sogar komplett meiden. Vielleicht nicht aus den gleichen Gründen wie ich. Nicht jeder Frau wird vor Schuldgefühlen schlecht, sobald sie auch nur die typischen Tröten hört.
Wenigstens musste ich nicht allzu viel planen, denn David hatte sich bereits um das Zugticket nach Vancouver, die Mitfahrgelegenheit in diese Kleinstadt an der Westküste und die Unterbringung gekümmert, bevor er krank wurde. Squamish! Das ist viel zu weit weg von Zuhause! Aber David hat alles gut geplant. Na gut. Vielleicht ist er wirklich krank und ich tue ihm Unrecht.
Aber ich habe schlechte Laune, also bin ich auf David sauer. Weil er mir das eingebrockt hat. Und weil niemand sonst frei war, um sich um diesen Bericht zu kümmern, weil ich eben Eishockey hasse und vor allem, weil Davids „alter Freund“ nicht wie vereinbart am Treffpunkt auftaucht.
Eigentlich sollte er mich vor dem Bahnhofsbuchladen treffen, aber hier ist niemand. David sagte, er hätte ihm eine Mail geschrieben, weil dieser Blake kein Handy hat. Wie kann es bitte einen Menschen ohne Handy geben?
„Mein alter Freund ist etwas verrückt“, hat David gesagt. Natürlich, ältere Männer haben es nicht so mit Technik. Ich halte Ausschau nach jemandem, der in Davids Alter sein könnte. David geht demnächst in Rente und kleidet sich wie ein britischer Gentleman, aber niemand hier wirkt, als könnte er der Gesuchte sein.
Nur Reisende mit Koffern und lauten Stimmen eilen durch den Bahnhof und ich stehe mitten im Weg. Ich stelle mich näher an das Fenster der Bahnhofsbuchhandlung und sehe mich um. Ich entdecke einen älteren Herrn, der mich vage an meinen Onkel erinnert, der mir in dem alten Buick Skylark meines Dads die ersten – unerlaubten – Fahrstunden gegeben hat.
Er hat mich Teenagerin immer vorsichtig die Einfahrt bis zum Haus meiner Gran hoch- und runterfahren lassen und wertvolle Tipps gegeben. Die dann nichts genutzt haben, als es wirklich darauf ankam, in dieser Nacht, die mein Leben für immer ändern sollte. Ich kneife die Augen zu. Verdammt, Harper! Es ist Jahre her. Krieg dich wieder ein! Trotzdem. Immer, wenn mir eine längere Autofahrt bevorsteht, werde ich nervös und höre innerlich das Quietschen von Bremen und das Klirren von Glas. Ich schüttele den Kopf, um die Bilder zu vertreiben.
Der Mann, der wie mein Onkel aussieht, winkt, also winke ich zurück. Oh. Er meinte die Frau hinter mir. Er sieht mich fragend an. Wie peinlich!
Schnell greife ich nach einem der Bücher auf dem Aktionstisch vor mir, als wäre nichts gewesen. Ich lese den Klappentext und freue mich: Volltreffer! Es ist der erste Band der Eisbrecher-Reihe von Scarlett Chartrand. Nachdem ich stundenlang versucht habe, mich mit Eishockey-Regeln und dem Aufbau der Liga vertraut zu machen, habe ich irgendwann nur noch geflucht. Was für ein Unsinn! Für mich klingt das alles nach einem albernen Kinderspiel mit ausgedachten Regeln. Ach ja. Genau das ist es ja auch! Aber in den Romanen von Scarlett Chartrand erlebt der Held der Reihe nicht nur private Abenteuer, sondern spielt auch Hockey, sodass ich bestimmt ein oder zwei Dinge lernen kann. Danke Scarlett! Ich beschließe, das Buch zu kaufen. Als ich wieder aus dem Laden komme, ist immer noch kein älterer Herr zu sehen, der aussieht, als würde er mich suchen.
Ich lasse den Blick durch die Halle wandern, drehe mich hin und her und …
„Hey! Pass doch auf!“
Die mit * versehenen Links sind Affiliate Links. Das heißt: Ich verdiene an qualifizierten Verkäufen. Das bedeutet, dass ich eine kleine Provision erhalte, wenn du über diesen Link einkaufst – für dich entstehen keine zusätzlichen Kosten.